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Wie aus Lurich Düsseldorf-Lörick wurde

Streiflichter aus der Zeit vor und nach der Eingemeindung

von Heinz Jürgens

Alljährlich gibt die Schützenbruderschaft dem Bürgerverein Lörick in der Festzeitschrift die Gelegenheit sich darzustellen und über Probleme zu berichten, die Lörick aktuell beschäftigen. Für diese Möglichkeit sind wir als Verein sehr dankbar, erreichen wir doch auf diese Weise einen großen Teil der Löricker Bevölkerung. Anlässlich der hundertjährigen Wiederkehr der Eingemeindung der ehemaligen Bürgermeisterei Heerdt - und damit auch von Lörick - nach Düsseldorf möchten wir von dieser Tradition abweichen und uns mit der Entwicklung unseres Ortsteiles im Laufe der Jahrhunderte befassen. Dies erscheint uns reizvoll und notwendig, hat sich die Bevölkerungsstruktur Löricks in den letzten Jahrzehnten doch stark verändert wodurch viele Mitbürger nur wenig über ihre neue Heimat wissen.

In dem vorgegebenen Rahmen können markante Ereignisse aus Löricks Geschichte nur streiflichtartig betrachtet werden und keine wissenschaftliche Abhandlung erstellt werden, was im übrigen vom Verfasser auch nicht beabsichtigt war. Für den Personenkreis, der mehr wissen möchte, ist eine Literaturliste angefügt, auf die sich der Schreiber dieser Zeilen u. a. auch gestützt hat.

Heute dürften es die Bewohner Löricks als Selbstverständlichkeit empfinden, wenn man sie als Düsseldorfer bezeichnet. Kaum jemand kann sich heute noch vorstellen, dass diese Frage vor einhundert Jahren zu heftigen Auseinandersetzungen führte. Damals wurde heiß darüber diskutiert, ob die selbständige Bürgermeisterei Heerdt mit den Ortsteilen Heerdt, Lörick, Nieder- und Oberkassel, weiterhin selbständig bleiben oder sich einer größeren Nachbargemeinde anschließen sollte. Hierfür kamen die Städte Neuss und Düsseldorf in Betracht. Die unterschiedlichen Ansichten zu diesem Thema führten zu einem Riss, der die Gemeinde in zwei Lager teilte, die sich kompromisslos gegenüberstanden. Auf der einen Seite votierten Heerdt und Lörick für den Anschluss an Neuss, dagegen hielt eine Phalanx aus Ober- und Niederkassel die Düsseldorf zuneigte. Um die aus heutiger Sicht kaum noch nachzuvollziehende Auseinandersetzung zu verstehen, muss kurz auf die Hintergründe eingegangen werden.

Viele Jahrhunderte gehörte das heutige linksrheinische Düsseldorf zu Kurköln. Die Stadt Düsseldorf lag zwar in Sichtweite, aber der Rhein bildete eine schier unüberwindliche Grenze und außerdem gehörte sie zu einem fremden Territorium. Da seit dem frühen Mittelalter Bindungen zum Qurinusstift in Neuss bestanden - das Stift hatte Besitzungen in Heerdt - und Neuss als Außenposten von Köln große Bedeutung für Heerdt besaß, hatten sich im Laufe der Zeit enge Beziehungen zu Neuss ergeben. Das gesamte Gebiet des heutigen Stadtbezirk war völlig auf Neuss ausgerichtet.

Eine grundsätzliche Änderung dieses Zustandes bahnte sich erst mit dem Bau der Oberkasseler Brücke - die 1898 dem Verkehr übergeben wurde - und der Erschließung des Gebietes durch die Rheinische Bahngesellschaft, die auch Initiator des Brückenbaues gewesen war, an. Das neu erschlossene Terrain bot dem Besitzbürgertum Düsseldorfs die Möglichkeit, in unmittelbarer Nachbarschaft großzügig und modern zu bauen und zu wohnen und damit der sprunghaft wachsenden Enge Düsseldorfs entfliehen zu können. Von dieser Möglichkeit wurde in so großem Umfange Gebrauch gemacht, dass sich die Bevölkerungsstruktur der Bürgermeisterei Heerdt gravierend veränderte. Die Neubürger waren naturgemäß sehr stark nach Düsseldorf ausgerichtet. Deshalb fanden die Eingemeindungsbestrebungen nach Düsseldorf vor allem in dieser Gruppe sehr viele, einflussreiche Anhänger. Diese Denkweise prallte nun auf die in Jahrhunderten gewachsene Bindung der alteingesessenen Bevölkerung nach Neuss. Das arithmetische Verhältnis der unterschiedlichen Gruppen hatte sich aber relativ schnell zugunsten der Düsseldorf Anhänger verschoben. Unter diesen Voraussetzungen ist es kaum verwunderlich, dass schließlich die Entscheidung für Düsseldorf fiel. Die Gegner dieses Anschlusses versuchten vergeblich, diesen Beschluss noch zu kippen. Es blieb dabei, die Bürgermeisterei Heerdt hatte aufgehört zu bestehen, man war jetzt ein Teil der Stadt Düsseldorf.

Dieses Ereignis wurde in diesem Jahr ausreichend gewürdigt, die heftigen Auseinandersetzungen von damals sind nur noch Geschichte. Da die damaligen Kontrahenten in erster Linie durch die Ortsteile Heerdt und Oberkassel repräsentiert wurden, ist es nahe liegend, dass man sich auch in der Rückbetrachtung besonders mit diesen befasst hat. Lörick kam hierbei einfach zu kurz. Deshalb dürfte es nicht uninteressant sein zu erfahren, welche Folgen der Anschluss nach Düsseldorf für Lörick hatte.

Lörick war der kleinste und wohl auch unbedeutendste Teil der ehemaligen Bürgermeisterei Heerdt. Deshalb ist es auch nicht ganz einfach, etwas über die Geschichte dieses Ortsteiles herauszufinden, obwohl Lörick mit hoher Wahrscheinlichkeit der älteste Teil der Gesamtgemeinde war. Diese Annahme gründet sich auf Bodenfunde aus römischer und keltischer Zeit, die man im Ortsgebiet von Lörick gemacht hat. Dr. Carl Vossen hat zu diesem Thema in der Festzeitschrift "25 Jahre Bürgerverein Düsseldorf-Lörick e. V." im Jahre 1979 einige grundsätzliche Ausführungen veröffentlicht, aus denen im nachfolgenden sinngemäß zitiert wird.

Erstmals erwähnt wurde Lörick oder "Lurich" in einer Urkunde erwähnt, die um 1300 erstellt worden ist. Eine Deutung des Namens besagt, dass er auf das alt keltische Wort "Lauriacum" zurückgeht, was soviel wie Besitz des Laurus bedeutet. Laurus soll ein römischer Veteran gewesen sein, der sich hier zur Ruhe gesetzt hatte. Möglicherweise kommt der Name aber auch vom alt hochdeutschen Begriff "Loh-Rike", was nach heutigen Sprachgebrauch "bewaldeter, schmaler Rücken" heißen würde. Sowohl die eine als auch die andere Version könnte stimmen, da sich hier sowohl römische Ansiedlungen als auch ausgedehnte Wälder befunden haben. Letzter Rest der Bewaldung war lange Zeit der "Heerdter Busch" , an den heute noch die "Heerdter-Busch-Straße" erinnert. Das nach dem letzten Krieg abgeholzte Löricker Wäldchen - auch hieran erinnert eine Straße - hatte allerdings nichts damit zu tun. Hierbei handelte es sich um eine Aufforstung, die nach dem Bau der Bahnlinie nach Krefeld vorgenommen wurde, doch davon später. Fest steht auch, dass sich in unserem Gebiet schon relativ früh Menschen ansiedelten. Angelockt wurden sie damals durch die relativ fruchtbaren Schwemmböden, die sie veranlassten, direkt am Rheinufer zu siedeln, obwohl der ungebändigte Strom das Ergebnis ihrer Mühen immer wieder zunichte machte.

1393 kam Lörick an das Amt Linn und wurde dadurch kurkölnisch, was erst durch die Folgen der Französischen Revolution beendet wurde. Durch die unmittelbare Nachbarschaft an die kurkölnische Stadt Neuss und die gleichzeitge Bindung an das Neusser Qurinusstift war Löricks Schicksal jahrhunderlang eng mit dem Schicksal von Neuss verknüpft. Man litt vor allem darunter, dass Neuss im Laufe der Geschichte immer wieder als Prügelknabe für Köln herhalten musste. Um Köln machten die meisten potentiellen Angreifer einen großen Bogen, da die Stadt als freie Reichsstadt die am stärksten befestigte deutsche Stadt war und ein Angriff wegen dr Aussichtslosigkeit erst gar nicht unternommen wurde. Während der Zeit in der Köln freie Reichsstadt war, soll nie ein Feind Kölner Stadtgebiet betreten haben. Stellvertretend wurde dann in der Regel Neuss angegriffen, wobei das engere Umland - und damit auch unser Gebiet - immer in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Von einem ruhigen, beschaulichen Leben, einem Merkmal, welches Lörick heute als Wohnort so attraktiv macht, konnten unsere Vorfahren nur träumen. Man schlug sich mehr schlecht als recht von den Erträgen von Ackerbau und Viehzucht durch. Es gab zwar einige wenige größere Höfe, die aber in der Regel nicht im Besitz von Löricker Einwohnern waren. Die echten Löricker Bauern hatten meist nur wenig Land zur Verfügung. Das zeigt noch ein Beispiel aus der Neuzeit. Im Jahre 1907 haben zwanzig Löricker Landwirte eine Eingabe an den Heerdter Bürgermeister Knopp unterschrieben, in dem sie sich über Wildschäden auf Löricker Gebiet beschwerten. Bei der Größe Löricks kann man sich ausrechnen, wieviel Fläche jedem zur Verfügung gestanden haben muss. Auch wenn man die Tatsache berücksichtigt, dass damals noch viel mehr Land landwirtschaftlich genutzt wurde, kann es nicht allzu viel gewesen sein. Scherzhafterweise sprach man damals von den sogenannten "Schüppebuure", das waren Ackerer, die nur einen kleinen Nebenerwerbsbetrieb ihr eigen nannten.

Interessant ist auch eine Häuserzählung aus dem Jahr 1897. Von den insgesamt 605 Häusern der Gesamtgemeinde Heerdt befanden sich 51 in Lörick. Die Zahl der Vieh besitzenden Häuser lag damals bei 502, davon entfielen 44 auf Lörick. Man konnte also mit Lörick an und für sich wenig Staat machen. Andererseits gründete sich wenige Jahre nach Wiedergründung des Heerdter Schützenvereins 1869 in Lörick die erste Schützenbruderschaft außerhalb des Ortsteiles Heerdt. Und trotz aller bescheidenen Verhältnisse konnte man 1896 die Löricker Schule in Betrieb nehmen.

Im Grunde genommen hat Lörick lange Zeit eine Art Dornröschenschlaf am Rande der Gemarkung Heerdt geführt. Seine Lage führte dazu, dass der in den anderen Ortsteilen durchaus feststellbare Fortschritt um Lörick einen großen Bogen machte. So hatte sich schon Mitte des 19. Jahrhunderts in Heerdt Industrie angesiedelt. 1857 wurde dort sogar ein Hochofen angeblasen. Oberkassel war seit 1854 Bahnstation. Neben der Schiffsbrücke, die seit 1839 Düsseldorf und Heerdt verband, wurde der Bahnhof "Rheinstation" in Betrieb genommen.

Hier fanden Reisende, die in Düsseldorf am Bergisch-Märkischen Bahnhof am heutigen Graf-Adolf-Platz oder dem daneben liegenden Köln-Mindener-Bahnhof angekommen waren, Anschluss an Züge Richtung Aachen, Belgien und Frankreich. Dazu war aber immer ein Fußmarsch oder für Betuchtere eine Droschkenfahrt über die Schiffsbrücke notwendig. Deshalb war es ihnen sehr recht, dass sich neben dem Bahnhof, der sich auf den damals noch viel höher liegenden Rheinwiesen befand, eine Reihe von Restaurationen und Lokalen niedergelassen hatte. Im übrigen wurden diese Lokalitäten auch gern von den Düsseldorfern besucht, die diese vor der Tür liegenden Ausflugsziele sehr stark frequentierten. Nicht nur Kaffee und Kuchen lockten die Ausflügler an, auch die Möglichkeit dort das Tanzbein zu schwingen, steigerte die Beliebtheit dieses Oberkasseler Vorortes. Dass sich Besucher auch einmal nach Lörick verirrt haben, ist wohl mehr als unwahrscheinlich.
Diese Abgeschiedenheit Löricks wurde durch den Bau der Oberkasseler Brücke 1897 und die Anlage der Bahn nach Krefeld jäh aufgehoben. Auch wenn die eigentliche Bahntrasse in einiger Entfernung an Lörick vorbeiführte, ergaben sich dadurch für Lörick doch gravierende Veränderungen. Entlang der 1901 angelegten Hansaallee siedelten sich eine Reihe großer Industriebetriebe an, u. a. Ehrenreich, Rhode & Dörrenberg, Gussstahlwerk Krieger, Schieß und Böhler, die mit ihren Imissionen Lörick jahrzehntelang arg zusetzten. Viele ältere Löricker erinnern sich bestimmt noch an die "Duftwolken", die bei ungünstigem Wind Lörick in einen "Luftkurort" verwandelten. Und es wird wohl kaum einen Löricker gegeben haben, der nicht schon einmal den "Böhlerhammer" verflucht hatte, wenn der halb Lörick nachts aus dem Schlaf riss.

Das Ideal der damaligen Zeit war Arbeit und Wohnen möglichst eng miteinander zu verzahnen. Daher wurden in der Nähe der neuen Werke Wohnungen für die Arbeiter gebaut. Neben dem Ortskern von Altlörick entstanden neue Wohngebiete. Weil sie in der Nähe der Bahn errichtet wurden, haben die Alteingesessenen deren Bewohner geringschätzig als "Bahner" tituliert. Als dann noch die Kinder der "Bahner" die neue Volksschule in Lörick besuchen mussten, prallten dort zwei Welten aufeinander, deren Spannungen sich auch häufig in körperlichen Auseinandersetzungen entluden. Da sich bekanntlich kaum etwas länger hält als Vorurteile, brauchte es mehrere Generationen, bis sich das Verhältnis zwischen den Bewohnern Alt- und Neulöricks normalisierte.

Auch wenn uns dieser Konflikt heute ein wenig seltsam anmutet, muss man doch Verständnis für das Verhalten der Altlöricker aufbringen. Jahrhundertlang war man im Dorf immer mehr oder weniger unter sich, große Veränderungen hatte es nie gegeben, die nächsten Nachbarn waren relativ weit entfernt. Nun veränderte sich auf einmal schlagartig - wenn auch zunächst nur an der Peripherie des Dorfes - das ewig gewohnte Bild. Die alte Prämisse - die man gelegentlich auch heute noch hören kann - "dat es emmer schon so jewäse", sollte von heute auf morgen keine Gültigkeit mehr haben, das musste man erst einmal verkraften.

Vielleicht fühlte man sich auch ein wenig an die Seite gedrückt. Die Erschließung und Neuplanung des Heerdter Gebietes nach dem Brückenbau reichte nur knapp bis an Lörick heran. Der Löricker Kirchweg, die heutige Löricker Straße bzw. Schießstraße, war die westliche Grenze des Planungsgebietes. Auch waren im Weichbild Löricks keine Prachtbauten, sondern Industrieanlagen mit all den damit verbundenen Belastungen vorgesehen, wie es dann schließlich tatsächlich verwirklicht wurde. Bezeichnend für den Stellenwert Löricks war auch, dass man die notwendige Kläranlage auf Löricker Grund und Boden errichten wollte. Dass sie schließlich auf Büdericher Gebiet gebaut wurde, lag nicht an besonderer Rücksichtnahme, sondern an der Tatsache, dass in Lörick kein passendes Areal gefunden werden konnte. Die mit der Kläranlage einhergehenden Unannehmlichkeiten machten sich allerdings in Büderich kaum bemerkbar, dafür aber umso nachdrücklicher in Lörick.

Immerhin konnte man sich darüber freuen, dass die Rheinische Bahngesellschaft 1898 ein 110 Morgen großes Gelände an der Grenze zwischen Heerdt und Büderich aufforsten ließ, um hier ein Äquivalent für die starke Belastung der Bevölkerung zu schaffen. Das sogenannte Löricker Wäldchen entwickelte sich sehr schnell zu einer grünen Lunge, welche von den Bewohnern Heerdts und Löricks dankbar angenommen wurde. Der Verkehrs- und Verschönerungsverein schlug sogar vor, aus dem Gelände einen Park zu gestalten. Leider war dem Wäldchen keine langes Leben beschieden. Als im sehr strengen Winter 1945/46 die Menschen unter der großen Kälte litten, wurde das Areal zum Abholzen frei gegeben. In kürzester Zeit war das Löricker Wäldchen nur noch Erinnerung.

Für die rege Bautätigkeit nach der Erschließung großer Teile der Bürgermeisterei Heerdt durch die Rheinische Bahngesellschaft war es von großem Nutzen, dass sich im Gemeindegebiet sehr viele lehmhaltige Böden fanden, die für die Herstellung von Ziegeln bestens geeignet waren. So gab es zum Beispiel in Niederkassel um 1900 rund zwanzig Feldbrandstätten, die das linksrheinische Gebiet mit den dringend benötigten Ziegelsteinen belieferten. Während aus technischen Gründen der Feldbrand nur in einem Teil des Jahres durchgeführt werden konnte, änderte sich dies mit dem Bau von Ringöfen. Jetzt konnte man das ganze Jahr über brennen. Ein solcher Ringofen hat noch viele Jahre nach dem letzten Krieg dort gestanden, wo heute die Gebäude des Löricker Tennisclubs liegen.

Durch den Lehmaushub waren Baggerlöcher entstanden, die später wieder verfüllt wurden. Eins ist noch erhalten, nämlich der See am Löricker Freibad. Allerdings verdankte er seine Entstehung einem anderen Grund. Als im letzten Krieg zum Schutz der Bevölkerung auch im linksrheinischen Düsseldorf Bunker angelegt wurden, benötigte man riesige Mengen Sand und Kies. Das ausgekieste Gelände füllte sich mit Grundwasser und auf diese Weise entstand die reizvolle Wasserfläche in Lörick.

Auch auf sportlichem Sektor tat sich in Lörick etwas. Noch heute erinnert die Sportstraße an die 1907 angelegte Radrennbahn, die 1937 abgerissen wurde, nachdem sie im Laufe der Jahre viele spannende Rennen, aber auch den Wahlkampfauftritt eines gewissen Adolf Hitler erlebt hatte.

Die Nazis sorgten auch 1935 für eine erhebliche Erweiterung des Siedlungsgeländes an der sogenannten "Bahn". Ein großes Freigelände zwischen Hansaallee, Löricker Straße und Kirchweg wurde erschlossen und mit Häusern bebaut, die zwei bis drei Familien Wohnung boten. Die heute vertrauten Straßennamen gab es damals allerdings noch nicht. Sie waren allesamt nach Hitlerjungen benannt, die nach dem Vokabular der Nationalsozialisten sogenannte "Blutzeugen" waren. Nach dem Krieg wurden alle Straßen nach linksrheinischen Ortschaften umbenannt.

Letztendlich waren die Nazis auch dafür verantwortlich, dass das Löricker Wäldchen endgültig verschwunden ist. Die hungernde Nachkriegsbevölkerung nutzte damals jedes mögliche Fleckchen Erde aus, um etwas Essbares anzubauen. So weckte das abgeholzte Gelände des Löricker Wäldchens auch sehr schnell entsprechendes Interesse. Man befreite den Boden von den Wurzelresten und legte wilde Gärten an, die sich guter Erträge erfreuten, da der ehemalige Waldboden sehr fruchtbar war.

Schließlich setzte die Stadtverwaltung diesem Treiben ein Ende und parzellierte das Ganze in vierzig Stellen. Es entwickelte sich sehr schnell ein Siedlerverein, der bis 1956 dort mit sehr viel Eigenarbeit vierzig Häuser errichtete. Bei der herrschenden Wohnungsnot war dies eine segensreiche Entscheidung. Bei der Parzellierung, die bitteren Erfahrungen der Nachkriegszeit waren noch sehr präsent, wurden die Grundstücke recht großzügig geschnitten, so dass hinter den Häusern viel für große Nutzgärten blieb. Die ebenfalls recht großen Vorgärten wurden so liebevoll bepflanzt, dass sich schon bald der Name "Rosensiedlung" für das Gelände einbürgerte.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts setzte langsam eine grundsätzliche Umwandlung ein, die den Charakter Löricks wiederum nach und nach veränderte. Ein großer Industriebetrieb nach dem anderen verschwand. Ob Gussstahlwerk, Rhode & Dörrenberg, Schieß oder Ehrenreich sie sind nur noch Geschichte. Böhler ist zwar noch vorhanden, aber mit dem ursprünglichen Werk überhaupt nicht mehr zu vergleichen. Eine Ära war zu Ende gegangen, wodurch auf der einen Seite viele Löricker Bürger durch die wegfallenden Arbeitsplätze direkt betroffen waren, andererseits war es aber auch ein Segen für Lörick. Die jahrzehntelangen Belastungen durch die Immissionen dieser Werke hatten endlich aufgehört. Auf den Brachen entstanden moderne, großzügige Bürobauten, die in ihrer aufgelockerten mit Grün versehenen Bauform auch rein optisch unseren Ortsteil aufwerteten.

Eine weitere einschneidende Veränderung ergab sich durch den Bau der "Nordbrücke" im Jahr 1957 und des damit verbundenen "Seesterns", wo sich die Horten AG 1961 als erstes großes Unternehmen ein großes Verwaltungsgebäude errichten ließ. Stand dies damals noch allein auf grüner Wiese, entwickelte sich das Gebiet "Seestern" doch seither zu einem der bedeutendsten Bürostandorte Düsseldorfs. Dies alles führte zu einem weiteren Verlust an landwirtschaftlicher Nutzfläche. Das Gleiche galt für die Anlage der Hortensiedlung und der Bauten an den neu aufgelegten Niederdonker Straße und Jüchener Weg sowie an der Verlängerung des Grevenbroicher Weges. In den gleichen Zeitraum fällt auch die Errichtung des "Haus Lörick". Östlich des Grevenbroicher Weges verschwand eine ausgedehnte Kleingartenanlage, die Stürzelberger Straße entstand. Die große Brache zwischen der alten Radrennbahn und dem Seestern wurde nach und nach zugebaut, so dass hier heute ein geschlossenes Wohn- und Arbeitsgebiet vorhanden ist. Später kamen noch der Ausbau von Elfgenweg und Büttgenweg und die kleine Siedlung an der Willicher Straße dazu. Auch innerhalb des alten Ortskerns verdichtete sich die Bebauung immer mehr.

Durch diese baulichen Maßnahmen vergrößerte sich die Bevölkerungszahl so rapide, dass auch die beiden großen Kirchengemeinschaften dem Rechnung tragen mussten. 1955 ging ein lang gehegter Wunsch der katholischen Bevölkerung Löricks in Erfüllung, an der Löricker Straße wurde die Pfarrkirche "Maria, Hilfe der Christen" konsekriert. Da sich durch die Verschiebung innerhalb der Bevölkerungsstruktur Löricks auch der Anteil evangelischer Christen sehr stark erhöht hatte, freute man sich, 1964 mit der Philippuskirche ein eigenes Gotteshaus beziehen zu dürfen.

Ende der sechziger Jahre nahm an der Wickrather Straße eine neue Schule ihren Betrieb auf, da die alte Löricker Schule aus den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts den stetig wachsenden Schülerzahlen nicht mehr gerecht wurde. Später wurde das alte Gebäude in Künstlerateliers umgewandelt, wobei die Werke der Kunstschaffenden nicht immer unbedingt dem Geschmack der Löricker entsprachen.
Dem Ausbau der Oberlöricker Straße musste auch das alte Wegekreuz weichen, welches seit dem 19. Jahrhundert an der Kreuzung Löricker und Oberlöricker Straße gestanden hatte und von den Lörickern liebevoll gepflegt wurde. Erfreulicherweise konnte es in unmittelbarer Nachbarschaft wieder errichtet werden, wo im Laufe der Jahre durch das Heranwachsen der Bäume und Sträucher eine würdevolle Anlage für dieses alte Denkmal entstand.

Veränderungen hatte auch die Löricker Landwirtschaft zu verkraften. Die schon beschriebenen räumlichen Verhältnisse konnten dem allgemeinen Trend zu größeren Einheiten nicht gerecht werden, die in Jahrhunderten gewachsene Struktur war nicht mehr überlebensfähig. Gab es Mitte der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts noch fünfzehn landwirtschaftliche Vollerwerbsbetriebe, so ist diese Zahl heute auf dreieinhalb geschrumpft. Die Betriebe, die in der Regel in Mischform sowohl Ackerbau, Viehzucht als auch Gartenbau betrieben, konnten nicht die Mittel erwirtschaften, die zu einem dauernden Überleben notwendig gewesen wären. Ein Betrieb nach dem anderen musste aufgeben. Die nicht mehr benötigten landwirtschaftlichen Flächen verwandelten sich zum Teil in Bauland, zum Teil von den noch produzierenden Betrieben übernommen oder liegen noch heute als Brachen da. Die noch vorhandenen Betriebe haben sich weitgehend spezialisiert und betreiben in erster Linie Gartenbau, wobei man sich Nischen gesucht hat, die am Rande der Großstadt eine dauernde Existenzgrundlage versprechen. Das Bauerndorf Lörick sieht zwar zum Teil noch unverändert aus, aber das ist nur noch Fassade.

Glücklicherweise ist die wenigstens zum großen Teil erhalten geblieben, was das alte Dorf noch heute sehr reizvoll macht. Hierfür muss einmal den Bewohnern ein großes Lob gezollt werden, die durch das Festhalten an den kleinen, betagten Häusern erst die Voraussetzung dafür schaffen. So schön das auch manchmal von außen anzusehen ist, weil die meisten Besitzer ihr Eigentum liebevoll pflegen, würde mancher von ihnen vielleicht doch lieber in einem großzügigen, modernen Haus wohnen. Das sollte bei allen Diskussionen um die bauliche Zukunft des Dorfes Lörick nie vergessen werden.

Ähnliches gilt auch für die Versorgung der Menschen. Bis in die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts hatte man in Altlörick kein Problem, sich lebensnotwendige Dinge zu beschaffen. Es gab einen Bäcker, Lebensmittelgeschäfte, an der Bahn noch weitere Lebensmittelgeschäfte, Bäcker, Metzger, Milchgeschäfte, eine Drogerie, Textilkleinhandel usw. In der Frühe hingen die frischen Brötchen an den Haustüren. Alles verschwunden, im alten Dorf gibt es keine Einkaufsmöglichkeit mehr. Mitte der siebziger Jahre musste das letzte Geschäft aufgeben, womit auch die Karriere unseres jetzigen Schützenchefs als Brötchenjunge zu Ende ging.

Dabei muss man noch froh sein, dass wenigstens in Neulörick noch ausreichend Geschäfte vorhanden sind, so dass man im Vergleich mit anderen Düsseldorfer Stadtteilen noch in einer verhältnismäßig guten Position ist. Interessanterweise haben nach dem allgemeinen Niedergang wieder drei Bäcker in Lörick ein Geschäft aufgemacht. Zumindest in diesem Bereich scheint Handwerk doch wieder einen goldenen Boden zu haben.

Manch älterer Löricker schwärmt heute noch von der Zeit, wo man im Dorf nach Feierabend noch ein Bier trinken konnte. Der "Schützenhof" und das "Fischerhaus" waren beliebte Treffpunkte, um sich von der Tagesplackerei ein wenig zu erholen und gleichzeitig noch das Neueste aus dem Dorf zu erfahren. Aus, vorbei, Vergangenheit! Entweder sind die alten Lokale ganz verschwunden oder sie haben sich zu höher preisigen Gourmet-Tempeln verwandelt. Auch wenn dadurch der Ruf Löricks durchaus aufpoliert wird, aber die Möglichkeit, mal "stonns Foß" ein Bier zu trinken wird doch von vielen Menschen schmerzhaft vermisst.

Man mag es bedauern, dass dieses Lörick, wie es einmal gewesen ist, nicht mehr zurückkommt. Das Rad der Geschichte lässt sich nun einmal nicht rückwärts drehen. Die Frage ist, ob man dies wirklich bedauern muss. Dieser kurze Rückblick hat doch gezeigt, dass es in der Vergangenheit keine Epoche gab, in der es Lörick und seinen Bewohnern wirklich gut ging. Und heute? Es kommt doch nicht von ungefähr, dass sich unser Ortsteil im Vergleich der Düsseldorfer Stadtteile im oberen Drittel bewegt. Offensichtlich bietet sich in Lörick den Menschen soviel Lebensqualität, dass sie gern hier wohnen und leben. Die Altvorderen hätten sicher etwas darum gegeben, wenn sie dies von sich auch immer hätten sagen können.


Kleine Literaturauswahl:

Hans-Joachim Neisser,
100 Jahre Düsseldorf linksrheinisch oder wie Düsseldorf über den Rhein kam
Grupello

Fritz Aurin/Dieter König,
Düsseldorf-Oberkassel
Sutton-Verlag

Jörg Heimeshoff
Denkmalgeschütze Häuser, Band 2: Das linksrheinische Düsseldorf
Nobelverlag

Carl Vossen
2000 Jahre Düsseldorf linksrheinisch

Carl Vossen
Die umworbene Halbinsel zwischen Neuss und Düsseldorf

Bürgerverein Heerdt e. V.Heerdt im Wandel der Zeit, 7 Bände